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ARAKKUR – Die große Schlucht (Band 1)

Leseprobe:
Blendend weißes Sonnenlicht stach in Elhans Augen. Er fühlte sich blind, die Welt um ihn herum begann sich zu drehen. Hastig riss er die Hände vor das Gesicht. Es half nicht, weiterhin tanzten grelle Lichter vor seinen Augen.
»Das geht vorbei, Kleiner.«
Elhan sah Itras nicht, spürte aber dessen beruhigende Anwesenheit. Vermutlich würde der alte Mann gebeugt dastehen und sein typisches zahnloses Grinsen präsentieren.
Trotz der Schmerzen musste er leise schmunzeln. Er gewöhnte sich langsam an den alten Mann, war dieser mittlerweile doch der einzige Mensch, der ihm noch eine Art Halt in dieser Welt bot. Ein Halt im Leben – im richtigen Leben. Auf der anderen Seite stand der junge Sklave, dem er erst kürzlich das Leben gerettet hatte. Er bemerkte dessen Unruhe und Nervosität. Dennoch passte der Junge sich langsam an die zermürbenden Zustände in der Schlucht an. Arakkur härtete ab – schnitt weg, was weich war. Zurück blieb ein harter, abgestumpfter Kern.
Sie befanden sich nun an der Oberfläche, oberhalb der Schlucht; ein hölzerner Fahrstuhl hatte sie dorthin gebracht. Elhan wusste nicht, wie lange es her war, seitdem er das letzte Mal die warmen Strahlen der Sonne auf der Haut gespürt hatte. Zu lange hatte er in der Dunkelheit der Stollen von Arakkur verbracht, die Umstellung auf die grelle Helligkeit brachte nun seine Sinne durcheinander – er war geradezu überfordert.
Itras scheint es nicht so zu gehen. Er konnte bereits im Fahrstuhl wieder sehen, während ich durch die Gegend gestolpert bin. Blind und hilflos.
Elhan gewöhnte sich langsam an die harte Arbeit in der Schlucht. Dennoch war er, aufgrund seines verkrüppelten Arms, dazu angehalten, schneller als die anderen Sklaven zu arbeiten. Das hatte ihn zwar in den ersten Umläufen an seine körperlichen Grenzen gebracht, dennoch kam er mittlerweile damit klar. Er beklagte sich auch nicht mehr über das Essen, gierig schlang er in seinen kurzen Pausen den geschmacklosen Brei hinunter. Itras stand ihm stets zur Seite, der alte Mann war ein Quell an Lebensweisheiten. Er verstand ihn zwar nicht, aber das machte nichts. Itras war verrückt, das sollte genügen.
Elhan ließ die Hände langsam sinken. Das Sonnenlicht blendete ihn immer noch, er konnte die Augen aber bereits einen Spaltbreit öffnen.
»Sag ich doch!«, bemerkte Itras.
Der alte Mann stand wirklich direkt neben ihm. Zwar hatte er immer wieder dessen Stimme vernommen, dennoch fand er es seltsam, dass er dessen Anwesenheit so deutlich spürte.
Wir arbeiten seit unzähligen Umläufen gemeinsam in den Stollen. Ich scheine mich einfach langsam an seine Nähe zu gewöhnen.
Andere Arbeiter berichteten stets von der Fahrt an die Oberfläche, es war scheinbar eine Art Überprüfung und fand einmal alle vierzehn Umläufe statt. Der Ober-Aufseher und ihr Besitzer würden erscheinen und weitere Anweisungen geben. Elhan verstand noch nicht ganz die Hierarchie und die einzelnen Zusammenhänge des Käufer- und Aufseher-Verhältnisses, glaubte aber langsam, einige Fortschritte darin zu machen: Die Schürfgebiete unterstanden den Herzögen und dem König. Der Herzog von Landamar behielt die Oberaufsicht, besaß aber dennoch auch eigene Schürfebenen. In diesen Gebieten wurden Hochwohlgeborene eingesetzt, welche die einzelnen Abläufe vor Ort kontrollierten und im Namen des Herzogs sprachen. Ihnen unterstanden Soldaten und Ober-Aufseher. Der Ober-Aufseher war für die Verwaltung der einzelnen Aufseher zuständig, die wiederum die Sklavenarbeiter beaufsichtigten. Jedes Gebiet umfasste mehrere Stollen, für je einen Stollen wurde ein Aufseher eingesetzt. Elhan konnte aber noch nicht ganz nachvollziehen, wie der Sklavenhändler Raschik in dieses System reinpasste; schließlich war dieser ein Norfaller, die bekanntermaßen den Sklavenhandel betrieben, aber hinsichtlich der Aberntung der Knolle das Nachsehen behielten. Irgendeinen Einfluss schien er aber zu haben und Elhan war nicht erpicht auf ihre nächste Begegnung. Er verspürte weder Furcht noch Angst, Gefühle dieser Art waren ihm mittlerweile ausgetrieben worden. Dennoch war es eine Art leichtes Zwicken in seiner Magengegend, das ihn verunsicherte.
»Ihr seid ein Haufen Dreck!«
Das war der laute Ausruf von Odgor, ihrem Ober-Aufseher. Er war ein großer und massiger Mann, mit einem Nacken wie ein Horntier. Alles an ihm war gewaltig, sogar seine Augenbrauen bedeckten die Hälfte seiner breiten Stirn. Wie bei allen Aufsehern in ihrem Schürfgebiet, handelte es sich bei ihm um einen Valentarer in sandfarbenen Gewändern. Der Stoff an seinen Armen war jedoch ausgeschnitten und die geschwollenen Muskeln darunter erkennbar. Erst vor kurzem hatte Elhan erfahren, dass sie Eigentum des Herzogs von Valentar waren, dessen Schürfrechte das kleinste Gebiet an der Schlucht umfassten. Den Herzog selbst kannte er nicht, er wusste auch nicht viel über diesen. Dafür kannte er allerdings die Aufseher, die in seinem Namen handelten, nur zu gut. Odgor war ein Mann, der gerne seine Laune an anderen ausließ. Es gab solche Menschen, die Freude verspürten, wenn sie anderen Schmerzen bereiteten. Odgor war einer von ihnen, ein ziemlicher Haufen Dreck. Er war bereits einige Male in Morts Stollen erschienen und hatte mit dem Knüppel um sich geschlagen. Elhan fühlte immer noch die vielen Schläge in der Bauchgegend.
Manchmal drifteten seine Gedanken ab und er erinnerte sich an sein früheres Leben. Es schien ihm jedoch mittlerweile fremd, er war nun ein anderer Mensch. Der neue Elhan war hart und gleichzeitig schwach. Ein Schatten seiner selbst: blass, sehnig, dreckig und gebrochen.
Er blinzelte wieder.
Es wurde wirklich langsam besser, Itras hatte wieder einmal recht gehabt. Vereinzelnd konnte er nun seine Umgebung wahrnehmen. Sie standen an einer Anhöhe oberhalb der Schlucht, um sie herum mehrere Soldaten in den Farben Valentars. Den Sklaven waren die Füße und Hände in Handschellen gekettet worden, das raue Metall kratzte bei jeder Bewegung und stach ins empfindliche Fleisch. Von der Anhöhe hatte man einen herrlichen Ausblick über die gesamte Schlucht. Der Ort seiner Pein – der Ort, an dem er sterben würde.
»Ihr seid der größte Abschaum, der mir je begegnet ist!«, rief Odgor.
Itras steckte sich den Finger in die Ohren. »Bla, bla, bla. Was ein Schwätzer, nicht wahr?«
Elhan verzog das Gesicht, der alte Mann schaffte es immer wieder, eine Situation punktgenau zu umschreiben. Vorsichtig beugte er sich zu ihm rüber und flüsterte Itras zu: »So sind sie nun einmal. Erst halten sie eine wichtige Ansage, dann schlagen sie um sich und dann erzählen sie einem erst, warum sie das eigentlich tun.«
Hinter ihm vernahm Elhan ein unterdrücktes Lachen. Als er den Kopf leicht drehte, erkannte er im Augenwinkel das Narbengesicht.
Hat der wirklich gerade über meinen Witz gelacht?
Elhan sollte recht behalten, Odgor schimpfte noch eine Weile, dann schlug er brutal auf einen Sklaven ein und erst anschließend erklärte er, weshalb er das eigentlich tat.
»Unser ehrwürdiger Ferathu …« Dabei verbeugte sich Odgor leicht und wies in Richtung der Soldaten. Erst jetzt bemerkte Elhan, dass zwischen ihnen ein kleiner Mann mittleren Alters stand. Ein überheblicher Ausdruck im Gesicht, das lange, blonde Haar straff nach hinten gekämmt. Ein Seh-Glas prangte im linken Auge, der Mund war spöttisch verzogen. Er trug ein eng anliegendes, seidenes Gewand in blasgelber Farbe. Die Hände waren locker auf einen dunkelbraunen Holzstab gelehnt. Ferathu war der Hochwohlgeborene, der im Namen des Herzogs von Valentar sprach und somit für das Schürfgebiet zuständig war. Der Mann verkörperte alles, was einen machtgierigen Hochwohlgeborenen ausmachte.
Elhan verspürte sofort Abscheu.
»… ist mit eurer Quote nicht zufrieden. Eine Knolle pro Umlauf ist zu wenig, deshalb hat er die Anforderungen erhöht. Jeden Umlauf müsst ihr nun mindestens zwei Knollen ernten, damit ihr Verpflegung und Unterkunft bekommt!«
Die Arbeiter wurden unruhig, vereinzeltes Gemurmel erklang.
Man konnte froh sein, wenn man überhaupt eine Knolle pro Umlauf fand. Die Quote nun auf zwei zu erhöhen war grausam und verachtenswert. Es offenbarte einmal mehr, dass die Situation innerhalb der Schlucht keine Maßstäbe besaß. Selbst ein Verbrecher verdiente nicht so eine unwürdige Behandlung. Es war eine Folter für Körper und Atemseele.
»Ruhe, Abschaum!«, schrie Odgor mit hochrotem Gesicht.
Die Sklaven verstummten sofort und blickten hastig auf ihre Füße.
Mort erschien neben dem Ober-Aufseher und sah ihn nervös an. »Zwei pro Umlauf, Meister? Das erscheint mir etwas zu …«
Odgors Knüppel traf den schmächtigen Mann mitten ins Gesicht.
Elhan schüttelte den Kopf. So sehr er den kleinen Mann verachtete, so sehr wünschte er niemanden eine solche Behandlung.
Wahrscheinlich hat er ihm sogar gerade die Nase gebrochen …
»Mitten in die Fresse! Hast du das gesehen?«, tuschelte jemand hinter ihm. Der grollenden Stimme nach zu urteilen, musste es sich um Narbengesicht handeln. »Ich würde dem verdammten Drecksack auch gerne mal eine reinhauen!«
Hohles Geschwätz, als ob irgendjemand von uns die Chance dazu hätte!
Es wurde zwar von Ausbruchversuchen berichtet, allesamt waren sie aber gescheitert und die Ausbrecher anschließend hingerichtet. Nur einem war es scheinbar bislang gelungen. Elhan betrachtete Itras aus dem Augenwinkel, der sofort den Blick erwiderte. Fast, als hätte er es gespürt.
»Verzeiht mir Meister …«, röchelte Mort und hielt sich die Hand vor die blutende Nase. Er stand auf, verbeugte sich unsicher und humpelte aus Elhans Sichtfeld.
Ferathu verfolgte das Geschehen schweigend und nickte Odgor auffordernd zu. Dann gab er seinen Soldaten ein Zeichen und gemeinsam verließen sie die Anhöhe. Ohne irgendein Wort zu sagen, ohne ein Zeichen von Menschlichkeit.
»Zwei Knollen pro Umlauf, ansonsten gibt es weder Unterkunft, noch Essen! Ihr wartet hier, gleich geht es wieder nach unten!«, drohte Odgor noch einmal und folgte dann dem Schlucht-Verwalter.
Einige Soldaten blieben zurück, um die Arbeiter zu überwachen und auf den nächsten Aufzug zu warten. Sie nahmen eine lässigere Haltung an und unterhielten sich leise. Nachdem die Sklaven dies bemerkten, entspannten sie sich ein wenig oder ließen sich erschöpft auf den trockenen Boden sinken.
Elhan tat es ihnen gleich, ihm war einfach danach. Rau fühlte er die heiße Erde, den trockenen Staub. Eine leichte Brise wehte ihm ins Gesicht, er schloss die Augen. Die Welt in Arakkur stumpfte ab, er hatte gar nicht bemerkt, wie sehr er den Wind vermisst hatte. Seine Gedanken wanderten zu fernen Orten. Zu den kalten Gletschern Norfalls, den grünen Wiesen Valentars und den hohen Bergen Kallyens. Es war so lange her, seit er zuletzt das Sonnenlicht wahrgenommen hatte. Wieder spürte Elhan eine sanfte Brise auf der Haut, es tat gut. Irgendwie fühlte er sich hier draußen in der Sonne wohler. Wacher. Lebhafter. Wie, als würde er ein wenig aus tiefem Wasser auftauchen und nach Luft schnappen.
Er fühlte den Wind, er spürte das Leben um ihn herum. Den Boden unter seinen schwieligen Handflächen, die Sonne in seinem Gesicht. Die nackten Füße gruben sich langsam in den Sand, es fühlte sich gut an – lebendig. Stimmen in seiner Umgebung erklangen, ein Mann fing an zu lachen. Füße scharrten über den Boden, in der Schlucht ertönte das ewige Schlagen von Metall auf Stein. Irgendwo in der Nähe fuhr ein Wagen über eine Anhöhe, Horntiere schnauften tief.
Elhan streckte seine inneren Fühler weiter aus und spürte die Gegenwart der Männer um sich herum. Neben ihm Itras, wie er mit dem Fuß wippte und ihm plötzlich einen Blick des Erstaunens zuwarf. Irgendwas sah er in ihm, Elhan verstand es nicht. Hinter ihm Narbengesicht, der sich leicht nach vorne lehnte und einen Stein in der Hand hielt, den er …
Schlagartig öffnete Elhan die Augen und drehte sich um. Er starrte in das Gesicht des vernarbten Mannes, der ertappt innehielt. In der Hand hielt er einen scharfkantigen Stein.
Elhan sah ihn finster an, woraufhin Narbengesicht mit den Schultern zuckte und sich zurücksinken ließ.
Was war denn das? Was ist nur los mit mir?
Die Sonne brannte heiß, der Wind blies stärker. Er wirbelte etwas Staub auf, der sachte auf seiner Schulter landete. Elhan betrachtete die feinen Körner, die wieder angehoben wurden und in einem kreiselnden Muster auseinanderstoben. Es war wie ein Tanz.
Wann hatte er zuletzt etwas so wunderschönes gesehen? Es war das Leben um ihn herum, er konnte es geradezu spüren. Drehte er langsam durch? Wurde er mittlerweile so verrückt wie Itras?
Elhan schloss wieder die Augen und entspannte sich. Er grub die rechte Hand vorsichtig in die Erde und spürte ein sanftes Pochen im Boden. Wie ein leichtes Pulsieren bewegte sich der Boden auf und ab. Seine Gedanken schweiften ab, sein Geist wurde leer. Er befreite sich von seinen Sorgen, blendete die Umgebung aus. Er fühlte sich frei, geborgen. Ein tiefer Friede überkam ihn, es wirkte, als würde er schweben. Irgendwie fühlte es sich richtig und natürlich an. Überall um ihn herum leuchteten Farben und Licht. Leben umgab ihn, durchströmte sein Bewusstsein und bildete unbekannte Formen. Elhan spürte, wie sich Itras zu ihm nach vorne beugte und eingehend musterte. Und als er den alten Mann sah, ihn richtig sah, da erschien er ihm groß. Groß wie ein König und lebendig. Wie ein Licht in der Dunkelheit, eine brennende Sonne in der Einöde. Er war wie ein ferner heller Stern am dunklen Horizont. Itras sprach nicht, aber dennoch vernahm Elhan seine Stimme.
Wir nennen es das Seelenband. Die Verbindung zweier Atemseelen. Du fühlst das Leben, du siehst es. Spürst du, wie sich der Wind dreht? Wie er sich windet, ohne erkennbares Muster? Berühre ihn, offenbare dich ihm. Er ist wild, aber auch gütig und weise. Du kannst ihn nicht fangen, er ist unberechenbar. Und doch kannst du ihn beeinflussen. Er muss dich sehen, dich fühlen. Kannst du ihn sehen?
Elhan spürte ihn. Er verstand nicht wie, aber er spürte den Wind. Der Wind erkannte ihn, sah ihn. Es war gewaltig, die Kraft und die Wildheit. Wie konnte etwas so mächtig und doch so friedlich sein? Der Wind hieß ihn willkommen und bot an, ihn davon zu tragen. Es wäre so einfach loszulassen. Elhan tauchte ein in den Fluss …
NEIN! Du bist noch nicht bereit dafür, es ist zu gefährlich! Kehre um!
Elhan verlor kurz die Kontrolle, Itras Worte hatten ihn erschrocken. Es waren keine richtigen Worte, es fühlte sich eher so an, als würde er den Sinn eines einzigen Gedankens entnehmen.
Es geht um Kontrolle, um Willensstärke.
Elhan formte vorsichtig einen Gedanken.
Was passiert hier, Itras? Ich verstehe das nicht. Bin ich tot?
Nein, du bist weit davon entfernt. Du hast dich offenbart, dem Wind deine Atemseele geöffnet. Er bot dir an, dich davonzutragen. Öffne die Augen und fühle das Leben um dich herum. Es ist überall, in jedem Stein, in jeder Pflanze. Ein ewiger Kreislauf, ein Band.

Elhan bemerkte, wie er langsam zurückgezogen wurde. Wie ihn das Gefühl verließ und er seinen Körper wahrnahm. Die Schmerzen in den Beinen, die Schwielen an der Hand. Der Gestank seiner Umgebung. Füße scharrten, Stimmen erklangen.
Er öffnete die Augen und sah dem alten Mann in das runzlige Gesicht. Er sah ihn. Sah ihn zum ersten Mal richtig und vollständig. Itras Augen waren voller Mitgefühl, erfüllt mit Hoffnung. Sie waren aber auch alt und gebrochen. Sie sprachen von seinem Leben, von seinen Erfahrungen und Erinnerungen. Von Enttäuschung, Verlust, Güte und Mitleid.
Ein Windstoß kam auf und blies heulend über die Schlucht. Die Zeit stand still.
Dann ganz langsam öffnete Itras den Mund und flüsterte voller Wärme: »Elhan Avar, du bist erwacht.«

 


 

ARAKKUR – Das ferne Land (Band 2)

Leseprobe:
Der zweite Mond stand hell und klar am Himmel.
Draia ließ ihren Blick über die Versammlung schweifen. Ganz Vorlia war aus den hintersten Winkeln des Reiches gekommen, ob Gewöhnlicher, Erhobener oder Fürst. Sie alle waren auf Befehl des Herrschers gekommen, um der Hinrichtung beizuwohnen. Der weite, marmorierte Platz war bis zum Bersten mit Menschen gefüllt, die schmalen, stählernen Türme in der Nähe warfen lange Schatten über die Versammelten. Ein schwacher Wind kam auf, er brachte den Geruch nach Blut und Tod mit sich. Es geschah nicht oft, dass Maedhros, der Herrscher Vorlias, seine Macht öffentlich demonstrierte, dennoch kam es manchmal zu besonderen Ereignissen vor.
Der Herrscher saß am anderen Ende des weitläufigen Platzes, auf einem hohen Thron, der aus den versilberten Knochen und Schädeln seiner besiegten Feinde bestand. Er hielt die bleichen, klauenartigen Hände im Schoß gefaltet, das lange, schwarze Haar umfloss in sanften Wellen seine schwarz-weiß gestreifte Robe. Aus einem zerfurchten und mit Rissen durchzogenen Gesicht blickten schwarze Augen auf die Menge herab. Sie wirkten leer und tot, nichts Menschliches war mehr darin erkennbar.
Draia leckte sich nervös über die Lippen, der Anblick des Herrschers ließ sie stets frösteln. Er wirkte nicht wie ein Mensch aus Fleisch und Blut, sondern eher wie eine Kreatur aus der Finsternis.
Schweigsam saß er da, neben ihm standen in respektvollem Abstand die Mächtigsten des Reiches, darunter auch Draias Vater Vhail’tar, der Fürst des östlichen Dominiums. Mit nichts gab er zu erkennen, was in ihm vorging, sie wusste es aber besser: Er war nervös, verlagerte immer wieder das Gewicht von einem Bein auf das andere. Leider hatte er auch allen Grund dazu, schließlich war Draias Schwester die Ursache dessen, warum sie an diesem Umlauf einberufen worden waren. Dilarias naive Handlung, ihr Versagen.
»Im Namen des Imperators, dem ruhmreichen Maedhros, Körper und Atemseele des einzig waren Gottes, werden diese Verräter gerichtet«, rief Cuaneth’lis, der Armeeführer Vorlias, über den weiten Platz.
Sofort kehrte Ruhe in der Menge ein. Sie blickten starr und furchtsam in Richtung des steinernen Podestes, der sich in ihrer Mitte erhob. Darauf saßen mehrere Gefangene, die mit Händen und Füßen an großen Blöcken angekettet worden waren. Sie waren nackt, Wunden, Narben und Dreck überzogen ihre bleichen Körper.
Draia sah genauer hin und erkannte einen von ihnen, er war ehemals ein hochrangiger Reto gewesen, der in den persönlichen Diensten ihres Vaters gestanden hatte. Natürlich würde man keine Spur zum östlichen Fürsten zurückverfolgen können, dennoch war es durchaus eine gefährliche Situation, in der sich das Haus Tar nun wiederfand.
»Sie haben gegen den Willen unseres Herrschers gehandelt. Wer gegen sein Wort handelt, widersagt sich der Gerechtigkeit unseres Gottes!«
Draia spürte die Angst und Anspannung, die sich unter den versammelten Menschen ausbreitete. Sie standen allzu steif da, niemand streckte sich oder tippelte von einem Bein auf das andere. Überdies schwiegen sie und warfen sich nervöse Blicke zu; kein Geflüster war zu hören, kein Plaudern. Wie eine reißende Welle, brachen die Worte des Armeeführers über ihnen ein und erstickten jegliche Gedanken. Die Gefangenen waren hoch angesehene Bürger Vorlias, machtvoll und einflussreich. Und doch waren sie nur Staub im Wind.
»Das ist nicht richtig, das darf nicht sein!«, flüsterte jemand in ihrer Nähe.
Draia wandte sich um, und versuchte den Sprecher auszumachen. Ihr blickten jedoch nur ausdruckslose Mienen entgegen. Unwirsch strich sie sich eine weiße Strähne aus dem Gesicht und widmete sich wieder den Gefangenen auf dem Podest. Sie zitterten vor Kälte und stöhnten ihr Leiden heraus, einige unter ihnen waren übel zugerichtet, andere hingegen hatte man wohl erst am Morgen aufgegriffen und direkt zum Versammlungsplatz gebracht.
Warum hat sie nicht auf mich gehört? Ich verfluche meine verdammte Schwester! Wenn nun herauskommt, dass wir daran beteiligt waren, dann wird uns das den Kopf kosten …
»Unser göttlicher Herrscher hat verfügt, dass niemand es wagt seine Hand nach Andural auszustrecken«, erhob Cuaneth’lis erneut seine Stimme. »Diese Untertanen haben sich schuldig gemacht, von den Vorkommnissen gewusst zu haben. Ferner haben sie den Geächteten, der sich einstmals Kael’tir nannte, sogar unterstützt.« Er stieß seinen langen Speer auf den Boden, knirschend zerbrach ein Teil des Marmors. »Sie werden deshalb gerichtet und das Haus Tir wird aufgelöst. Jeder Untergebene dieses Reiches möge sich daran erinnern, dass ein Gesetz unseres Herrschers, gleichbedeutend dem Gesetz unseres Gottes ist!«
Draia schüttelte energisch den Kopf, als sie dies hörte. Dieser Mann war kein Gott, sie konnte das einfach nicht akzeptieren. Er war ein Mensch, wenn auch ein unglaublich Mächtiger. Dennoch ergab es für sie keinen Sinn, dass sie ihr Leben lang unter der dunklen Hand dieser Kreatur leiden sollten.
Der Herrscher erhob sich von seinem Thron, sofort ließen sich die Versammelten ehrerbietig auf den Boden nieder. Cuaneth’lis neigte ebenfalls den Kopf und trat respektvoll zurück. Draia folgte dem Beispiel, wusste aber bereits, was nun passieren würde, es war nicht die erste Hinrichtung, der sie beiwohnte.
Maedhros ging einen Schritt nach vorne und streckte ruckartig die Hand aus. Sein Gesicht war eine starre Maske, die Augen dunkel und unergründlich. Als die Gefangenen auf dem Podest dies sahen, fingen sie an zu heulen und zerrten verzweifelt an ihren Fesseln. Jeglicher Versuch war aber vergeblich, es gelang ihnen nicht, sich zu befreien. Zwar waren sie Erhobene, in der Gegenwart des Herrschers waren ihre Kräfte aber wirkungslos.
Maedhros trat noch einen Schritt vor und presste seine klauenartige Hand zu einer Faust zusammen. Im gleichen Moment zerplatzten die Gefangenen in einer roten Fontäne aus Fleisch und Blut. Die aufgebrochenen Körper stürzten platschend zu Boden, weißer Rauch kräuselte sich aus den Leichen hervor. In langen Bahnen flog der Rauch auf den Herrscher zu und vereinigte sich mit dessen Leib. Kurz umgab ihn eine dunkle Aura, es schien, als würden schwarze Schlieren von seinem Körper abperlen und ihn nur widerwillig freigeben. Dann war es vorbei, die Atemseelen der Bestraften aufgesogen und verzehrt.
Draia betrachtete ihn auf der anderen Ebene, eine alles verschlingende dunkle Wolke kräuselte sich an dessen Stelle und streckte schwarze Fäden in die Umgebung aus. Jede Atemseele wurde davon berührt, es veränderte sie, nahm ihnen das Licht. Der Anblick widerte sie an, sie ertrug es nicht.
Mit einer ruppigen Handbewegung zerriss sie den Schleier, stieß aus der zweiten Ebene hervor und atmete tief durch. Es war nicht leicht darin zu verweilen, besonders, wenn der Herrscher in ihrer Nähe war. Es fühlte sich jedes Mal so an, als würde seine Wesenheit an ihr zerren und sie langsam verschlingen. Sie schüttelte sich einmal und versuchte, die Taubheit aus ihrem Verstand zu vertreiben. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, wie einer der Anwesenden anfing zu zittern und schnappend atmete. Seine Augen quollen aus dem Kopf, Blut lief ihm aus der Nase. Mit einem Röcheln sank er auf die Knie und brach schließlich zusammen. Umstehende reagierten nicht, man war solche Tatsachen gewöhnt. Dies passierte häufiger, wenn der Herrscher seine Kräfte entfaltete. Manchmal traf es unbewusst Anwesende. Ein einzelner Toter machte dabei keinen Unterschied.
Maedhros ließ die Hand wieder sinken und drehte sich abrupt um. Er verließ den erhöhten Podest und schritt in Richtung der hohen Palasttürme, die sich wie Finger in den Himmel erhoben. Als er schließlich verschwunden war, zerstreute sich die Menge.
Draia stand noch eine Weile tief in Gedanken versunken da. Als sich vorsichtig eine Hand auf ihre Schulter senkte, schrak sie hoch und blickte in das hagere Gesicht ihres Vaters. Die roten Augen blickten trübe, die Mundwinkel zuckten immer wieder, als könnten sie sich nicht entscheiden, ob sie nach oben oder nach unten hängen sollten.
»Draia’tar, meine Tochter, du wirkst sehr in Gedanken«, sagte er. »Uns droht keine Gefahr, niemand wird eine Verbindung ziehen können.«
»Ja, das habe ich mir bereits gedacht«, entgegnete sie. »Aber trotzdem, irgendwann wird auffallen, dass Dilaria nicht mehr in Vorlia verweilt. Irgendwann wird er es herausfinden, Vater!«
»Und wenn dies geschieht, dann werden wir bereit sein«, beschwichtigte er sie. Seine Mundwinkel zogen sich nun doch nach oben. Es seltsam aus, wie die schmalen Falten in den vielen Rissen des Gesichtes untergingen.
Draia wusste, dass sie auch bald die ersten Anzeichen ihrer Ausbildung ereilen würden. Noch war es nicht soweit, bald würde es aber geschehen. Sie fürchtete sich davor, noch mehr, als sie sich vor dem Herrscher fürchtete.
»Du kannst ihn ebenfalls auf der anderen Ebene sehen, Vhail.« Sie schüttelte missmutig den Kopf, dabei flogen ihre langen, weißen Haare hin und her. »Er wird immer mächtiger. Irgendwann wird ihn nichts mehr aufhalten können, verstehst du das denn nicht?«
»Ah, meine ungestüme Tochter. Vergiss nicht, die Rädchen drehen sich«, entgegnete er und schritt gemächlich über den weiten Platz.
Draia folgte ihm. »Das sagst du immer und doch hat sich unsere Lage nur verschlimmert!«, beschwerte sie sich. »Du hättest Kael aufhalten sollen. Du hast ihm zu viele von deinen Plänen verraten! Er hat es missverstanden, dieser Idiot! Und meine verdammte Schwester ist ihm hinterhergerannt, naiv wie sie ist!«
»Fehler wurden begangen. Es hat sich aber einiges in Andural entwickelt.« Vhail zuckte mit den Schultern, seine Mundwinkel hingen wieder nach unten. »Meine Männer stehen bereit, erst heute Morgen erreichte mich wieder ein Bericht.«
Draia blies sich vorsichtig in die Hände. Es war heute wieder sehr kalt, zu kalt für ihren Geschmack. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt Wärme auf ihrer Haut gespürt hatte. »Was gibt es Neues von diesem Peichellecker?«, fragte sie. »Konnte er die Situation etwas unter Kontrolle bringen?«
Gemeinsam bogen sie in eine schmale Gasse ein, hohe Steingebäude erhoben sich am Wegesrand. Einige Laternen spendeten weißes Licht, darunter standen Passanten und tuschelten miteinander. Es musste sich um Erhobene handeln, denn Draia sah dürre Quellsklaven in der Nähe, die respektvoll Abstand hielten und am Boden kauerten. Sie schnaubte abfällig und beschleunigte ihren Schritt.
»Na, dann leg mal los!«, forderte sie ihren Vater auf.
»Gemach, Draia’tar. Wie ich schon sagte, es hat sich einiges entwickelt.«
»Und, ist wirklich das Geschehen, worauf immer gehofft hast?«, fragte sie sarkastisch. »Ist das Geschehen, womit du mir seit meiner Erhebung in den Ohren liegst?«
Es war mehr eine alte Floskel, die sie jedes Mal von sich gab, wenn sie solche Gespräche führten. Pläne, in Plänen. Es ging nie um etwas anderes.
Vhail blieb plötzlich stehen und sah sie eingehend an. Seine Mundwinkel hoben sich wieder nach oben. Manchmal glaubte Draia, dass ihr Vater überhaupt nicht mehr wusste, was ein wirkliches Lächeln überhaupt war. Ungenutzte Muskeln, die in seinem starren Gesicht herumhingen.
»Ja, es ist geschehen.«
Draia drehte ruckartig den Kopf herum, ihr blieb sprachlos der Mund offen stehen. Ein Vorhang aus weißen Haaren fiel ihr ins Gesicht. Unwirsch warf sie die langen Strähnen nach hinten.
»Willst du mich verarschen?«, rief sie ungläubig. Ungehalten stampfte sie mit dem Fuß auf. »Soll das etwa bedeuten, dass meine verdammte Schwester Recht hatte?«
»Mäßige dich und entehre sie nicht!«
»Sie wollte Andural ernten, schon vergessen? Das war vollkommen entgegen deiner Pläne!«
»Ja, das habe ich nicht vergessen. Hör mir zu Draia, das ist jetzt sehr wichtig. Ich weiß nicht, wie sehr ich dem Bericht trauen darf. Auch Cuaneth’lis hat seine Leute in Andural, wir können nicht sicher sein. Wenn es aber stimmt, was die Nachrichten hergeben, dann ist es tatsächlich geschehen und gibt Grund zur Hoffnung.« Er sah sie aus unergründlichen Augen an, seine Mundwinkel hingen herab. Kurz schwieg er, dann hoben sie sich wieder.
»In Andural, dem Schlachtfeld des Ewigkrieges, ist ein Avar erwacht.«

 


 

ARAKKUR – Das Seelenband (Band 3)

Leseprobe:
Elhan fiel immer tiefer hinab, der Wind peitschte unablässig an ihm vorbei.
Habe ich wirklich versagt?
Bilder zogen an seinen Augen vorüber. Er musste an Itras denken, und die Hoffnung, die er in ihm gesehen hatte. An seine Zeit in der Schlucht, die Menschen, die ihm dort begegnet waren: Sylon, Konar, sogar Mort. Andere Gesichter zogen an ihm vorüber, darunter sein Vater, Alrael, Grimm und auch Chary. Er dachte an Draia, die vermutlich gerade im Sterben lag und ganz besonders an Cathien. Sein letzter Gedanke galt Dal, Itras‘ Sohn, dessen Wege sich alleine durch Zufall mit Elhan gekreuzt hatten. Er musste lächeln, als er darüber nachdachte.
Dann endete Elhans Sturz abrupt und er traf auf den Boden des Abgrunds.
Unglaublicher Schmerz schoss durch seinen gesamten Körper, jeder Knochen brach und jeder einzelne Muskel riss. Es war zu viel für ihn, einfach zu viel. Er lag am Boden, nichts als undurchdringliche Schwärze um ihn herum erkennbar. Etwas Unförmiges lag auf seinem Bauch – nein es steckte in seinem Bauch. Er spürte es ganz deutlich, vermutlich hatte ihn irgendein scharfkantiger Brocken aufgespießt.
Der Schmerz wurde immer schlimmer, es war kaum für ihn vorstellbar, dass es noch eine Steigerung davon gab.
Warum bin ich noch nicht tot?
Kurz flackerte sein Blick, es war allerdings nicht vollständig dunkel an diesem Ort. Am Rande seines Sichtfeldes sah er schwach glühende Leuchtpilze, die mit ihren breiten Hüten hin und her wippten. Mal leuchteten sie stärker, dann wieder Schwächer. Staubige Luft erfüllte die Umgebung, die ihm das Atmen erschwerte.
Elhan versuchte, den Kopf zu drehen. Es gelang nicht, sein Körper gehorchte ihm nicht mehr. Langsam breitete sich Taubheit in seiner Brust aus und verdrängte den Schmerz, der sich ins Unermessliche zu steigern schien. Sein Atem ging nur noch stoßweise, bis er letztendlich vollständig zum Erliegen kam.
Jetzt ist es soweit, ich werde sterben.
Wieder flackerte sein Blick, dann wurde alles schwarz.

Elhan fiel in einen bodenlosen Abgrund. Dichter Rauch umschloss sein Blickfeld. Er spürte nichts, sah nichts. Um ihn herum eine kühle, schwarze Leere. Irgendwo am Rande seines Bewusstseins bemerkte er Formen, Nebel und Rauch. Die Formen verschwanden wieder und verwandelten sich in bunte Farben. Immer heller, immer intensiver wurden die Farben, bis sie schließlich zu einem reinen Licht wurden. Es war kaum zu ertragen, das grelle Licht begann ihn zu verbrennen, das Fleisch von seinen Knochen zu schneiden. Er schrie innerlich auf und wand sich hin und her, dennoch konnte er dem Licht nicht entgehen. Unbarmherzig drang es auf ihn ein, zerstörte ihn beinahe von innen, bis es sich schließlich in jeder Faser seines Körpers ausgebreitet hatte. Als der Schmerz sich immer mehr steigerte, musste er aufschreien.
Warum endete es nicht? Warum ging sein Leiden nicht vorüber? Er war tot, gestorben … weggeworfen, wie Staub im Wind. Und dennoch durchlebte er sogar in seinem Verstand unendliche Qualen.
Das Licht brandete weiter in ihm, durchdrang ihn vollkommen. Kurz hielt das Gefühl an, dann verschwand es auf einen Schlag.
Elhan, wach auf!
Elhan öffnete blinzelnd die Augen und nichts als Finsternis schlug ihm entgegen. Sein Atem ging stoßweise und er musste mehrfach husten. Irgendwo in der Ferne nahm er nun doch schwaches Licht wahr; es verschwamm aber immer wieder.
Ich bin wieder wach … weshalb? Ich sollte eigentlich …
Plötzlich spülte der Schmerz wieder gnadenlos über ihn hinweg. Er öffnete den Mund, aber kein Schrei entrang sich seiner Kehle. Das Gefühl hielt noch kurze Zeit an, dann machte es einem dumpfen Pochen Platz, das stetig durch seinen Körper brandete. Ganz vorsichtig versuchte er, seinen rechten Arm zu heben. Erst gelang es nicht, dann ganz langsam hob er ihn ein wenig nach oben. Es fühlte sich an, als würde er einen ganzen Berg hochstemmen, so zittrig und schwach waren seine Muskeln. Ächzend presste er seinen Atem durch die zusammengebissenen Zähne heraus und hielt den Arm noch einen kurzen Moment erhoben, dann ließ er ihn wieder sinken.
Immerhin etwas. Wie geht es jetzt weiter?
Elhan konzentrierte sich auf die Umgebung, bemerkte dann aber am Rande seines Bewusstseins etwas Merkwürdiges. Er konnte es nicht ganz beschreiben, da war aber ein seltsames Gefühl in seinem linken, eigentlich verkrüppelten Arm. Erst hatte er es nicht bemerkt, weil sein gesamter Körper ein Wechselspiel von Schmerz zu Taubheit und wieder zurück durchlebte, trotzdem spürte er ganz deutlich ein unangenehmes Zwicken dort.
Vielleicht kann ich …
Sein linker Arm hob sich in die Luft, viel schneller und einfacher, als bei seinem anderen Arm der Fall gewesen war. Verblüfft hielt er inne und schloss die Hand vorsichtig zu einer Faust. Die Haut spannte und zwickte ein wenig, es gelang aber mühelos.
Bei Cernunnos Socken! Was ist hier los?
Ganz langsam ließ er die linke Hand auf sein Gesicht niedersinken und stöhnte auf, als er die vielen Wunden und Schwellungen darauf spürte. Getrocknetes Blut bröckelte ab, als er daran hinabfuhr und sich beinahe in dem wuchernden Bart verhedderte, der die gesamte untere Gesichtshälfte einnahm.
Ein Bart? Wie viel Zeit ist vergangen?
Vorsichtig wanderte er mit seiner Hand erst über seinen Hals, dann die Brust hinab, bis er schließlich an einem unförmigen Keil stecken blieb. Seine Finger fingen an zu zittern, als ihm klar wurde, was er dort gerade spürte. Ein spitzer Stein hatte sich mitten durch seinen Bauch gebohrt und ihn förmlich aufgespießt.
Beruhige dich! Dafür gibt es bestimmt eine Erklärung.
Er fühlte an dem Stein hinab und bemerkte mit großem Erstaunen, dass sich sein Fleisch an den Rändern damit verbunden hatte. Obwohl er geheilt war, steckte ein großer Stein mitten in seinem Körper.
Das wird jetzt lustig, es geht aber nicht anders.
Elhan biss die Zähne zusammen, zog vorsichtig die Füße an und stützte seine Hände ein wenig auf. Kurz atmete er tief durch, dann hievte er sich mit einem Ruck nach oben.
Sein Körper löste sich von dem Stein.
Er lachte freudlos auf und fiel dann wieder ohnmächtig zu Boden.

Du musst aufwachen, Elhan! Es geht nicht anders …
Elhan öffnete träge die Augen. Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, bemerkte aber, dass er mit dem Gesicht voran am Boden lag. Erde und Staub lagen in seinem geöffneten Mund, woraufhin er hastig ausspuckte. Ein Hustenreiz überkam ihn, gleichzeitig spürte er wieder das stete schmerzhafte Pochen in jeder Faser seines Körpers. Anders als beim letzten Mal gelang es ihm aber nun besser, die Kontrolle über seinen Körper zu erlangen. Er hustete noch einmal, tastete am Boden entlang und stemmte sich dann ganz langsam nach oben. Als er schließlich nach unzähligem Ächzen und Stöhnen in einer einigermaßen angenehmen Sitzposition angekommen war, seufzte er zufrieden.
Aufmerksam nahm er die Eindrücke seiner Umgebung auf. Er saß am Boden, in weiter Entfernung leuchteten einige Leuchtpilze und spendeten blaugrünes Licht. Um ihn herum waren scharfkantige Wände erkennbar, ansonsten schien es aber ruhig und stockfinster zu sein. Er sah hinunter auf seine Hände und betrachtete sie ungläubig. Der linke Arm war kaum vom rechten Arm zu unterscheiden. Keine abstehenden Finger, kein unnatürlich verwinkelter Unterarm. Sie glichen sich ohne erkennbare Unterschiede, als hätte es niemals eine Behinderung gegeben. Unzählige Narben zogen sich über die Hände hinweg, ringelten sich die Arme hinauf und endeten irgendwo unterhalb seines zerfetzten Hemdes. Er wollte lieber nicht nachsehen, alleine die schwulstige, breite Narbe direkt in der Mitte seines Bauches ließ ihn schon beinahe würgen. Dort, wo eigentlich der Bauchnabel sein sollte, prangte nur noch unförmiges Fleisch.
Warum bin ich nicht gestorben? Ich sollte längst tot sein und doch sitze ich hier am Boden und wundere mich über die vielen Narben an meinem Körper.
Die Erinnerungen an die Schlacht drangen wieder in sein Bewusstsein. Unbarmherzig fraßen sie sich hindurch, peinigten ihn mit seiner Niederlage, seinem Versagen. Elhan erinnerte sich an Draia, wie sie leidend und schreckgeweitet seinen Fall beobachtet hatte. Er dachte an Maedhros und dessen zügellose und gewaltige Macht. Und er musste natürlich auch an Cathien denken, an ihr Gesicht, ihren Duft und den leidenschaftlichen Kuss.
Sein Verstand umwölkte sich, die Erinnerungen prasselten unbarmherzig auf ihn ein. Er hatte versagt und sie alle enttäuscht. Es würde kein Unterschied machen, dass er den tiefen Sturz überlebt hatte. Maedhros, der Herrscher Vorlias war bei weitem zu mächtig. Er war der Tod, ganz so, wie Draia ihn beschrieben hatte. Es gab keine Hoffnung für sie, keinen Ausweg. Hatte er zuvor noch geglaubt, dass er das sein könnte, was die Überlieferungen einen Erlöser nannten, so wog seine Niederlage nun umso schwerer. Er war zwar schon früher geheilt worden – dieses Mal schien es ihm aber irgendwo ungerecht. Er sollte nicht leben, hatte er doch versagt. Wie sollte es nun weitergehen? Was würde aus Andural werden? Es gab keine Hoffnung auf einen Erlöser, niemand würde das von Draia angesprochene Band erneuern können. Sie selbst hatte es gesagt: Die Götter waren besiegt, Morgoris, der Gott des Todes, hatte sie getötet. Nun bewohnte er den Körper von Maedhros, dem letzten Erlöser und Avar, der irgendwann in der Vergangenheit bei seiner heiligen Mission gescheitert war. Er hatte die Bürde nicht akzeptiert und anstatt zu erlösen hatte er sich der Dunkelheit verschrieben.
Elhan schüttelte den Kopf, als er darüber nachdachte. Er selbst wäre bereit gewesen dieses Opfer zu bringen, das wusste er tief in seinem Herzen. Er wäre bereit gewesen das zu tun, was nötig sein, um diesen ewigen Konflikt für die Seite des Lebens entscheiden. Aber wer war er schon, dass er es sich anmaßte, diese Rolle zuzusprechen? Er war ein Versager, ein Niemand.
»Ich werde Cathien nie wieder sehen können … nie wieder«, flüsterte er und schloss die Augen.
Es war vorbei. Das Leben, wie er es zuvor gekannt hatte, würde bald vergehen. Sie alle würden sterben, es war nur noch eine Frage der Zeit. Es war wirklich vorbei, das Ende.
Du glaubst, das hier ist das Ende?
Am Rande seines Bewusstseins hörte Elhan wieder die Worte des verrückten, alten Mannes. Itras… vielleicht hätte er gewusst, was zu tun sei.
Ein Krieg zwischen dem Leben und dem Tod. Nur die Hoffnung wird sich dem entgegenstellen können. Wie es auch immer ausgehen mag, es hat bereits begonnen.
Warum erinnerte er sich gerade jetzt an seine Worte? Es war unerheblich, es waren nur Worte. Staub im Wind, nichts anderes.
Wir sind die letzte Hoffnung auf Erlösung, sie wissen es nur noch nicht.
Hoffnung war etwas für Leichtgläubige. Es half einem nicht, gegen die drohende Finsternis des Todes zu bestehen. Es bewahrte einen nicht vor einem tiefen Sturz in eine bodenlose Tiefe.
Wir werden das Licht in der Dunkelheit sein!
Noch ein Spruch des alten Mannes. Warum hörte er diese Worte gerade jetzt, warum hier an diesem trostlosen Ort? Er war irgendwo unterhalb von Ardus, vermutlich in einem großen Abzweig der Schlucht. Er hatte nicht gewusst, dass Arakkur unterhalb von ganz Andural verlief, irgendwie ergab es aber auch einen vagen Sinn.
»Es ist wirklich hoffnungslos, ich habe versagt.«
Ihm fiel der Kopf auf die Brust. Er wollte nicht mehr leben und all dies hier ertragen müssen. Wie viel Leid und Schmerz konnte ein Mensch aushalten, bis er schließlich zerbrach?
Es ist wirklich hoffnungslos. Ich sollte …
»Verdammt, jetzt mach endlich die Augen auf, Junge!«
Elhan fuhr erschrocken hoch. Eine Gestalt erhob sich direkt vor ihm und wurde durch das schwache Licht der Leuchtpilze erhellt.
»Na bitte, geht doch. Wenn du jetzt nicht bald aufstehst, dann muss ich dir den Hintern versohlen, Kleiner!«
Erstaunt starrte Elhan in das runzlige Gesicht von Itras.

 


 

AO – Bewahrer des Lichts (Band 1)

Leseprobe:
Melus fluchte laut, als er über seine lange Robe stolperte und der Länge nach zu Boden fiel. Die Lampe, die er bis dahin in der Hand gehalten hatte, ging aus und verteilte ihr Öl auf der gefrorenen Erde. Die Flüssigkeit glitzerte sanft im Mondlicht und sah dadurch fast so aus, wie eine Spur aus Tränen. Ohne weiter darüber nachzudenken, warf er die Öllampe weg. Das spärliche Licht half ihm in dieser Situation sowieso nicht weiter.
Die Umgebung wirkte totenstill und verlassen. Kein Geräusch war zu hören. Nur das sanfte Rascheln des dichten Laubs der Bäume, wenn der Wind hindurch wehte.
Melus hievte sich mit einem lauten Ächzen wieder auf die Füße und versuchte, seine aufkommende Panik niederzukämpfen. Es gelang nicht. Immer wieder verdammte er sich dafür, dass er so unachtsam gewesen war. Weshalb dies so war, konnte er sich nicht ganz erklären. Sonst war er doch eher ein vorsichtiger Mensch, der seine nächsten Schritte mit Bedacht setzte. Nichts anderes erwartete man schließlich von einem Bewahrer.
Heute werde ich vermutlich sterben, dachte er.
Angst und Verzweiflung rangen miteinander. Er atmete einmal tief durch und bemühte sich darum, das schmerzhafte Stechen in seiner Brust zu ignorieren. In diesem Moment galt all sein Streben und Denken nur noch der Überlieferung der Erkenntnisse, die er soeben errungen hatte.
Melus sah hoch zum hellsten Stern am Himmel, der in einem goldenen Licht erstrahlte. Sirus, der Gott aller Menschen Luindars. Er hatte den Bewahrern das Licht gegeben, sodass sie die Sphäre des Lichts und somit das Land vor einer dunklen Bedrohung beschützen konnten. Melus war aus tiefster Überzeugung ein gläubiger Mensch, weshalb er seine Bürde gleichermaßen mit Demut und Freude schon sein Leben lang erfüllte. Erst als Bewahrer, dann als Lehrmeister und schließlich als oberster Bewahrer des Ordens.
So lange Zeit schon und doch verstehen wir es noch immer nicht …
Ein berstendes Geräusch in der Nähe ließ ihn plötzlich herumfahren. Nur einen Augenblick später konnte er die verräterischen Lichter in der Ferne ausmachen. Ein heller Lichtblitz, dann wieder Dunkelheit.
Los, bewege dich endlich!
Melus rannte mit rasselndem Atem wieder los. Während seine Füße auf die gefrorene Erde trommelten, verdammte er sich für die Wahl seiner Garderobe. Das lange, rote Gewand, das er als oberster Bewahrer zu tragen pflegte, war nicht gerade dafür gedacht, sich derart fortzubewegen. In diesem Moment musste er aber einstweilen damit klarkommen. Er hatte etwas erfahren, das den Verlauf der Geschichte für immer verändern könnte. Er musste seine Erkenntnisse mit dem Orden teilen!
Wieder erklang ein berstendes Geräusch in der Nähe, dicht gefolgt von einem zweiten lauten Knacken. Melus wandte sich aber nicht um und richtete seine Aufmerksamkeit auf die hellen Lichter des Ordenshauses, die bereits in der Ferne erkennbar waren.
Nur noch ein bisschen, dachte er, und bemühte sich um einen gleichmäßigen Atem.
Ein Lichtstreifen, zusammengepresst wie eine Scheibe, schoss auf einmal an ihm vorbei und teilte einen nahen Baum genau in der Mitte entzwei. Das Holz knirschte laut, dann fiel der Stamm in sich zusammen und verteilte Äste, Blätter und Schnee auf dem Weg.
Melus vollführte einen Satz nach hinten und blieb schwer atmend stehen. Es war zu spät, er war zu langsam gewesen. Nun gab es nur noch eine einzige Möglichkeit: Er musste sich seinen Verfolgern stellen.
Obwohl er sich der Konsequenzen bewusst war, schloss Melus die Augen, konzentrierte sich auf sein inneres Wesen und rief sein Ao herbei. Wie jedes Mal, wenn er dies tat, flimmerte kurz die Luft um ihn herum. Ein Summen erklang und dann löste sich mit einem leisen Zischen ein schimmerndes Licht aus seinem Körper heraus. Direkt auf Brusthöhe blieb es neben ihm schweben und waberte hin und her.
Mit einem schweren Seufzer öffnete Melus wieder die Augen. Dann speiste er das Ao mit seinem Willen und übermittelte verschiedene komplexe Befehle, die für die kommende Auseinandersetzung wichtig waren. Es brauchte nicht länger als ein Augenblinzeln und das Ao nahm die Verteidigungsform einer gleißenden Scheibe an: Ein Spiegel.
Keinen Moment zu früh, denn im gleichen Augenblick traf etwas mit derartig gewaltiger Wucht auf den Spiegel, sodass dieser mit einem lauten Bersten in unzählige Teile zersplitterte.
Melus wurde ebenfalls von der Wucht erfasst und einige Meter zurückgeschleudert. Bevor er jedoch auf den Boden traf, übermittelte er seinem Ao weitere Befehle, sodass es ihn vor dem Fall bewahrte. Wie ein sanfter Windhauch umfloss das Licht seinen Körper und schob ihn wieder in eine aufrechte Position.
»Nicht schlecht, alter Mann!«, rief jemand aus nächster Nähe.
Melus klopfte sich die Restsplitter von seinem Gewand ab, sodass sie sich wieder mit seinem Ao vereinigen konnten. Dann widmete er sich seinen Verfolgern, die nur wenige Meter von ihm entfernt stehen blieben. Es waren drei, jeweils umgeben von einem summenden Ao.
»Ich nehme an, ihr lasst einen alten Mann nicht einfach seiner Wege ziehen?«, fragte Melus und wappnete sich innerlich vor einem weiteren Angriff.
Einer der Verfolger trat vor. Zu seinem Erstaunen handelte es sich dabei um eine Frau mit langen Haaren, die ihr in Wellen über die Schultern fielen. Ihr spitzes Gesicht zierte ein voller Mund, der nun zu einem verächtlichen Grinsen verzogen war. Ihre Augen strahlten so hell wie ein wolkenloser Tag im Frühling – allerdings war dort keine Wärme erkennbar, sondern nur kalte Berechnung. Sie trug eine Garderobe aus schwarzem Leder mit einem wallenden Mantel, der ihren Körper wie ein Schleier umfloss. Er wusste sofort, wer vor ihm stand und doch wollte er es nicht wahrhaben.
»Ich befürchte, dass wir dich leider in dieser Hinsicht enttäuschen müssen, Melus«, sagte sie. »Du hast einige Dinge erfahren, die im Verborgenen bleiben sollten.« Sie nickte ihren Gefährten knapp zu und verwandelte ihr Ao zu einer Lanze aus gleißendem Licht. Sogleich taten es die anderen beiden ihr nach und näherten sich ein Stück.
»Keinen Schritt weiter!«, drohte Melus. Mit seiner Willenskraft teilte er sein Ao in verschiedene kleine Spiegel auf, die ihn von allen Seiten umgaben. Dann gab er ihnen den Befehl, ihn vor etwaigen Angriffen zu schützen.
Hatte er zuvor geglaubt, dass seine Verfolger diese komplexe Befehlskette beeindrucken würde, belehrten sie ihn sogleich eines Besseren. Die Frau – offensichtlich die Anführerin unter ihnen – fing plötzlich mit glockenheller Stimme an zu lachen und teilte ihr Ao ebenfalls auf. Allerdings nicht in Spiegel, sondern in weitere, unzählige Lichtlanzen, die so fein und klein war, dass sie wie Nadelspitzen aussahen. Melus konnte kaum glauben, was ihm soeben geboten wurde. Das Ao der Frau nahm die Angriffsform eines Schwarms an – eine längst vergessen geglaubte Form des Aos.
Für einen kurzen Moment war Melus sprachlos, denn niemand sollte über eine derartige Willenskraft verfügen, um solch eine Komplexität aufrecht halten zu können. Das verdeutlichte ihm einmal mehr, wie wichtig es nun war, zu überleben.
»Ihr brecht das heilige Gesetz unseres Gottes und ihr handelt entgegen eurer heiligen Pflicht!«, sagte Melus. »Wie könnt ihr das nur tun?«
Die Anführerin schüttelte den Kopf. »Alles hat irgendwann sein Ende. Auch du, Melus, musst dies nun einsehen.«
»Du weißt gar nicht, welche Folgen sich daraus ergeben! Damit setzt du einfach alles aufs Spiel!«
»Du hast es noch immer nicht verstanden, obwohl du es soeben mitangesehen hast.«
»Was habe ich nicht verstanden?«
»Sirus ist nicht mein Gott!«
Mit einem tiefen Summen flogen die Lichtlanzen der Fremden vorwärts, dicht gefolgt von denen der beiden anderen Männer.
Melus blieb aber ebenfalls nicht untätig und ließ die Spiegel um sich herum rotieren. Kurz bevor die Lichtlanzen auftrafen, wurden sie abgefangen und zerplatzten in goldenem Lichtstaub. Zwar erging es seinen Spiegeln ebenfalls so, dadurch verschafft er sich aber einen kurzen Moment, um über seine nächsten Schritte nachzudenken.
Als der Angriff schließlich endete, entließ er sein Ao in die ursprüngliche Form einer Kugel. Dann ließ er sie wachsen und sich immer weiter ausdehnen, bis sie fast so groß wie er selbst war. Ehe er jedoch den Angriffsbefehl geben konnte, geschah etwas Unerwartetes: Die Kugel flackerte auf und erlosch auf einmal.
Was geschieht hier?
Melus kämpfte seine aufkommende Panik nieder und rief sein Ao wieder hervor. Ehe es jedoch Gestalt annehmen konnte, verschwand es erneut.
»Du fragst dich vermutlich, was hier vor sich geht?«, rief die Frau und ging mit weiten Schritten auf ihn zu. Unzählige kleine Lichter umtanzten sie und sahen dabei so aus, wie Bienenschwärme.
Melus war nicht fähig, seine Gedanken in Wörter zu formen. Das, was so eben geschehen war, sollte eigentlich nicht möglich sein. Und doch wusste er insgeheim, warum es so war.
Ein letztes Mal rief er sein Ao hervor. Bevor es jedoch Gestalt annehmen konnte, zerfaserte es zu unförmigen Schlieren und vereinigte sich mit dem Ao der Fremden.
Als Melus seine Stimme endlich wiederfand, war es vorbei.