Leseprobe »Arakkur – Das ferne Land«

Eine Leseprobe zum kommenden zweiten Band der Reihe um Arakkur.

Viel Spaß beim Lesen!

Der zweite Mond stand hell und klar am Himmel.
Draia ließ ihren Blick über die Versammlung schweifen. Ganz Vorlia war aus den hintersten Winkeln des Reiches gekommen, ob Gewöhnlicher, Erhobener oder Fürst. Sie alle waren auf Befehl des Herrschers gekommen, um der Hinrichtung beizuwohnen. Der weite, marmorierte Platz war bis zum Bersten mit Menschen gefüllt, die schmalen, stählernen Türme in der Nähe warfen lange Schatten über die Versammelten. Ein schwacher Wind kam auf, er brachte den Geruch nach Blut und Tod mit sich. Es geschah nicht oft, dass Maedhros, der Herrscher Vorlias, seine Macht öffentlich demonstrierte, dennoch kam es manchmal zu besonderen Ereignissen vor.
Der Herrscher saß am anderen Ende des weitläufigen Platzes, auf einem hohen Thron, der aus den versilberten Knochen und Schädeln seiner besiegten Feinde bestand. Er hielt die bleichen, klauenartigen Hände im Schoß gefaltet, das lange, schwarze Haar umfloss in sanften Wellen seine schwarz-weiß gestreifte Robe. Aus einem zerfurchten und mit Rissen durchzogenen Gesicht blickten schwarze Augen auf die Menge herab. Sie wirkten leer und tot, nichts Menschliches war mehr darin erkennbar.
Draia leckte sich nervös über die Lippen, der Anblick des Herrschers ließ sie stets frösteln. Er wirkte nicht wie ein Mensch aus Fleisch und Blut, sondern eher wie eine Kreatur aus der Finsternis.
Schweigsam saß er da, neben ihm standen in respektvollem Abstand die Mächtigsten des Reiches, darunter auch Draias Vater Vhail’tar, der Fürst des östlichen Dominiums. Mit nichts gab er zu erkennen, was in ihm vorging, sie wusste es aber besser: Er war nervös, verlagerte immer wieder das Gewicht von einem Bein auf das andere. Leider hatte er auch allen Grund dazu, schließlich war Draias Schwester die Ursache dessen, warum sie an diesem Umlauf einberufen worden waren. Dilarias naive Handlung, ihr Versagen.
»Im Namen des Imperators, dem ruhmreichen Maedhros, Körper und Atemseele des einzig waren Gottes, werden diese Verräter gerichtet«, rief Cuaneth’lis, der Armeeführer Vorlias, über den weiten Platz.
Sofort kehrte Ruhe in der Menge ein. Sie blickten starr und furchtsam in Richtung des steinernen Podestes, der sich in ihrer Mitte erhob. Darauf saßen mehrere Gefangene, die mit Händen und Füßen an großen Blöcken angekettet worden waren. Sie waren nackt, Wunden, Narben und Dreck überzogen ihre bleichen Körper.
Draia sah genauer hin und erkannte einen von ihnen, er war ehemals ein hochrangiger Reto gewesen, der in den persönlichen Diensten ihres Vaters gestanden hatte. Natürlich würde man keine Spur zum östlichen Fürsten zurückverfolgen können, dennoch war es durchaus eine gefährliche Situation, in der sich das Haus Tar nun wiederfand.
»Sie haben gegen den Willen unseres Herrschers gehandelt. Wer gegen sein Wort handelt, widersagt sich der Gerechtigkeit unseres Gottes!«
Draia spürte die Angst und Anspannung, die sich unter den versammelten Menschen ausbreitete. Sie standen allzu steif da, niemand streckte sich oder tippelte von einem Bein auf das andere. Überdies schwiegen sie und warfen sich nervöse Blicke zu; kein Geflüster war zu hören, kein Plaudern. Wie eine reißende Welle, brachen die Worte des Armeeführers über ihnen ein und erstickten jegliche Gedanken. Die Gefangenen waren hoch angesehene Bürger Vorlias, machtvoll und einflussreich. Und doch waren sie nur Staub im Wind.
»Das ist nicht richtig, das darf nicht sein!«, flüsterte jemand in ihrer Nähe.
Draia wandte sich um, und versuchte den Sprecher auszumachen. Ihr blickten jedoch nur ausdruckslose Mienen entgegen. Unwirsch strich sie sich eine weiße Strähne aus dem Gesicht und widmete sich wieder den Gefangenen auf dem Podest. Sie zitterten vor Kälte und stöhnten ihr Leiden heraus, einige unter ihnen waren übel zugerichtet, andere hingegen hatte man wohl erst am Morgen aufgegriffen und direkt zum Versammlungsplatz gebracht.
Warum hat sie nicht auf mich gehört? Ich verfluche meine verdammte Schwester! Wenn nun herauskommt, dass wir daran beteiligt waren, dann wird uns das den Kopf kosten …
»Unser göttlicher Herrscher hat verfügt, dass niemand es wagt seine Hand nach Andural auszustrecken«, erhob Cuaneth’lis erneut seine Stimme. »Diese Untertanen haben sich schuldig gemacht, von den Vorkommnissen gewusst zu haben. Ferner haben sie den Geächteten, der sich einstmals Kael’tir nannte, sogar unterstützt.« Er stieß seinen langen Speer auf den Boden, knirschend zerbrach ein Teil des Marmors. »Sie werden deshalb gerichtet und das Haus Tir wird aufgelöst. Jeder Untergebene dieses Reiches möge sich daran erinnern, dass ein Gesetz unseres Herrschers, gleichbedeutend dem Gesetz unseres Gottes ist!«
Draia schüttelte energisch den Kopf, als sie dies hörte. Dieser Mann war kein Gott, sie konnte das einfach nicht akzeptieren. Er war ein Mensch, wenn auch ein unglaublich Mächtiger. Dennoch ergab es für sie keinen Sinn, dass sie ihr Leben lang unter der dunklen Hand dieser Kreatur leiden sollten.
Der Herrscher erhob sich von seinem Thron, sofort ließen sich die Versammelten ehrerbietig auf den Boden nieder. Cuaneth’lis neigte ebenfalls den Kopf und trat respektvoll zurück. Draia folgte dem Beispiel, wusste aber bereits, was nun passieren würde, es war nicht die erste Hinrichtung, der sie beiwohnte.
Maedhros ging einen Schritt nach vorne und streckte ruckartig die Hand aus. Sein Gesicht war eine starre Maske, die Augen dunkel und unergründlich. Als die Gefangenen auf dem Podest dies sahen, fingen sie an zu heulen und zerrten verzweifelt an ihren Fesseln. Jeglicher Versuch war aber vergeblich, es gelang ihnen nicht, sich zu befreien. Zwar waren sie Erhobene, in der Gegenwart des Herrschers waren ihre Kräfte aber wirkungslos.
Maedhros trat noch einen Schritt vor und presste seine klauenartige Hand zu einer Faust zusammen. Im gleichen Moment zerplatzten die Gefangenen in einer roten Fontäne aus Fleisch und Blut. Die aufgebrochenen Körper stürzten platschend zu Boden, weißer Rauch kräuselte sich aus den Leichen hervor. In langen Bahnen flog der Rauch auf den Herrscher zu und vereinigte sich mit dessen Leib. Kurz umgab ihn eine dunkle Aura, es schien, als würden schwarze Schlieren von seinem Körper abperlen und ihn nur widerwillig freigeben. Dann war es vorbei, die Atemseelen der Bestraften aufgesogen und verzehrt.
Draia betrachtete ihn auf der anderen Ebene, eine alles verschlingende dunkle Wolke kräuselte sich an dessen Stelle und streckte schwarze Fäden in die Umgebung aus. Jede Atemseele wurde davon berührt, es veränderte sie, nahm ihnen das Licht. Der Anblick widerte sie an, sie ertrug es nicht.
Mit einer ruppigen Handbewegung zerriss sie den Schleier, stieß aus der zweiten Ebene hervor und atmete tief durch. Es war nicht leicht darin zu verweilen, besonders, wenn der Herrscher in ihrer Nähe war. Es fühlte sich jedes Mal so an, als würde seine Wesenheit an ihr zerren und sie langsam verschlingen. Sie schüttelte sich einmal und versuchte, die Taubheit aus ihrem Verstand zu vertreiben. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, wie einer der Anwesenden anfing zu zittern und schnappend atmete. Seine Augen quollen aus dem Kopf, Blut lief ihm aus der Nase. Mit einem Röcheln sank er auf die Knie und brach schließlich zusammen. Umstehende reagierten nicht, man war solche Tatsachen gewöhnt. Dies passierte häufiger, wenn der Herrscher seine Kräfte entfaltete. Manchmal traf es unbewusst Anwesende. Ein einzelner Toter machte dabei keinen Unterschied.
Maedhros ließ die Hand wieder sinken und drehte sich abrupt um. Er verließ den erhöhten Podest und schritt in Richtung der hohen Palasttürme, die sich wie Finger in den Himmel erhoben. Als er schließlich verschwunden war, zerstreute sich die Menge.
Draia stand noch eine Weile tief in Gedanken versunken da. Als sich vorsichtig eine Hand auf ihre Schulter senkte, schrak sie hoch und blickte in das hagere Gesicht ihres Vaters. Die roten Augen blickten trübe, die Mundwinkel zuckten immer wieder, als könnten sie sich nicht entscheiden, ob sie nach oben oder nach unten hängen sollten.
»Draia’tar, meine Tochter, du wirkst sehr in Gedanken«, sagte er. »Uns droht keine Gefahr, niemand wird eine Verbindung ziehen können.«
»Ja, das habe ich mir bereits gedacht«, entgegnete sie. »Aber trotzdem, irgendwann wird auffallen, dass Dilaria nicht mehr in Vorlia verweilt. Irgendwann wird er es herausfinden, Vater!«
»Und wenn dies geschieht, dann werden wir bereit sein«, beschwichtigte er sie. Seine Mundwinkel zogen sich nun doch nach oben. Es seltsam aus, wie die schmalen Falten in den vielen Rissen des Gesichtes untergingen.
Draia wusste, dass sie auch bald die ersten Anzeichen ihrer Ausbildung ereilen würden. Noch war es nicht soweit, bald würde es aber geschehen. Sie fürchtete sich davor, noch mehr, als sie sich vor dem Herrscher fürchtete.
»Du kannst ihn ebenfalls auf der anderen Ebene sehen, Vhail.« Sie schüttelte missmutig den Kopf, dabei flogen ihre langen, weißen Haare hin und her. »Er wird immer mächtiger. Irgendwann wird ihn nichts mehr aufhalten können, verstehst du das denn nicht?«
»Ah, meine ungestüme Tochter. Vergiss nicht, die Rädchen drehen sich«, entgegnete er und schritt gemächlich über den weiten Platz.
Draia folgte ihm. »Das sagst du immer und doch hat sich unsere Lage nur verschlimmert!«, beschwerte sie sich. »Du hättest Kael aufhalten sollen. Du hast ihm zu viele von deinen Plänen verraten! Er hat es missverstanden, dieser Idiot! Und meine verdammte Schwester ist ihm hinterhergerannt, naiv wie sie ist!«
»Fehler wurden begangen. Es hat sich aber einiges in Andural entwickelt.« Vhail zuckte mit den Schultern, seine Mundwinkel hingen wieder nach unten. »Meine Männer stehen bereit, erst heute Morgen erreichte mich wieder ein Bericht.«
Draia blies sich vorsichtig in die Hände. Es war heute wieder sehr kalt, zu kalt für ihren Geschmack. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt Wärme auf ihrer Haut gespürt hatte. »Was gibt es Neues von diesem Peichellecker?«, fragte sie. »Konnte er die Situation etwas unter Kontrolle bringen?«
Gemeinsam bogen sie in eine schmale Gasse ein, hohe Steingebäude erhoben sich am Wegesrand. Einige Laternen spendeten weißes Licht, darunter standen Passanten und tuschelten miteinander. Es musste sich um Erhobene handeln, denn Draia sah dürre Quellsklaven in der Nähe, die respektvoll Abstand hielten und am Boden kauerten. Sie schnaubte abfällig und beschleunigte ihren Schritt.
»Na, dann leg mal los!«, forderte sie ihren Vater auf.
»Gemach, Draia’tar. Wie ich schon sagte, es hat sich einiges entwickelt.«
»Und, ist wirklich das Geschehen, worauf immer gehofft hast?«, fragte sie sarkastisch. »Ist das Geschehen, womit du mir seit meiner Erhebung in den Ohren liegst?«
Es war mehr eine alte Floskel, die sie jedes Mal von sich gab, wenn sie solche Gespräche führten. Pläne, in Plänen. Es ging nie um etwas anderes.
Vhail blieb plötzlich stehen und sah sie eingehend an. Seine Mundwinkel hoben sich wieder nach oben. Manchmal glaubte Draia, dass ihr Vater überhaupt nicht mehr wusste, was ein wirkliches Lächeln überhaupt war. Ungenutzte Muskeln, die in seinem starren Gesicht herumhingen.
»Ja, es ist geschehen.«
Draia drehte ruckartig den Kopf herum, ihr blieb sprachlos der Mund offen stehen. Ein Vorhang aus weißen Haaren fiel ihr ins Gesicht. Unwirsch warf sie die langen Strähnen nach hinten.
»Willst du mich verarschen?«, rief sie ungläubig. Ungehalten stampfte sie mit dem Fuß auf. »Soll das etwa bedeuten, dass meine verdammte Schwester Recht hatte?«
»Mäßige dich und entehre sie nicht!«
»Sie wollte Andural ernten, schon vergessen? Das war vollkommen entgegen deiner Pläne!«
»Ja, das habe ich nicht vergessen. Hör mir zu Draia, das ist jetzt sehr wichtig. Ich weiß nicht, wie sehr ich dem Bericht trauen darf. Auch Cuaneth’lis hat seine Leute in Andural, wir können nicht sicher sein. Wenn es aber stimmt, was die Nachrichten hergeben, dann ist es tatsächlich geschehen und gibt Grund zur Hoffnung.« Er sah sie aus unergründlichen Augen an, seine Mundwinkel hingen herab. Kurz schwieg er, dann hoben sie sich wieder.
»In Andural, dem Schlachtfeld des Ewigkrieges, ist ein Avar erwacht.«

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